Nieder-Eschbach – das Dorf, das nicht zu Frankfurt wollte

Nieder-Eschbach - das Dorf, das nicht zu Frankfurt wollte

Das Jahr 1972 sollte für Nieder-Eschbach eigentlich ein ganz besonderes Jahr sein. 1972 war das Dorf 1200 Jahre alt, jedoch den Bewohnern stand der Sinn nicht nach Feierlichkeiten. Am 1. August 1972 kam nämlich die Eingemeindung nach Frankfurt, aber mehr als 5000 Bewohner von Nieder-Eschbach hatten eine Petition unterschrieben. Sie wollten kein Teil von Frankfurt sein und protestieren laut gegen die „Vereinnahmung“. Vielleicht haben sie geahnt, was auf den kleinen Ort zu kommt und genau fünf Jahre später wurden alle Befürchtungen wahr.

Nieder-Eschbach in Zahlen

Nieder-Eschbach ist einer der Stadtteile im Norden von Frankfurt und sieht sich bis heute als Dorf in der Stadt.

Einwohner: 11.406
Fläche:6,3 Quadratkilometer
Stadtteil seit:1972
Gehört zum Ortsteil: Nieder-Eschbach

Die Vergangenheit von Nieder-Eschbach

Sehr wahrscheinlich haben Menschen bereits 6000 vor Christus in der Region um das heutige Nieder-Eschbach eine Siedlung erbaut. Nachweisbar ist aber eine römische Siedlung aus dem Jahr 265 nach Christus sowie ein römischer Guthof, der dort stand, wo heute die Autobahn A5 verläuft. Offiziell taucht Nieder-Eschbach erstmals 772 im Lorscher Kodex auf, damals noch unter dem Namen „Ascobach“. 1288 steht der Name dann erstmals in einer Urkunde. Zu dieser Zeit gehört Nieder-Eschbach noch dem Mainzer Erzstift und fällt dann 1433 an Eppstein-Königstein. Im Mittelalter wechseln die Herren von Nieder-Eschbach schnell und letztendlich landete das Dorf mit seinem Land 1736 bei der Landgrafschaft Hessen-Kassel. 1972 ist dann das Schicksalsjahr für Nieder-Eschbach, denn die Gemeinde wird ein Teil von Frankfurt.

Die Sehenswürdigkeiten

In Nieder-Eschbach gibt eine Vielzahl von schönen alten Fachwerkhäusern. Die meisten Häuser stammen aus dem 18. Jahrhundert und sind im barocken Stil erbaut worden. Eine Besonderheit ist die evangelische Pfarrkirche von Nieder-Eschbach, die aus dem Jahr 1617 stammt. Das Kirchenschiff des eindrucksvollen Saalbaus entstand 1747, die Glockenstube und das Zeltdach kamen 1772 dazu. Im südöstlichen Teil von Nieder-Eschbach, dem Pfingstwald, gibt es eine mit Steinen eingefasste Wasserstelle, den sogenannten Wassersprudel. An dieser Stelle befand sich in früheren Zeiten ein artesischer Brunnen. Noch im 20. Jahrhundert schoss hier unter hohem Druck eine Fontäne aus dem Brunnen. Heute ist die Wasserstelle ein beliebtes Ziel für Spaziergänger, die im Pfingstwald unterwegs sind und eine Rast einlegen möchten.

Die Golanhöhen

Wie viele Stadtteile von Frankfurt, so gibt es auch in Nieder-Eschbach einen sozialen Brennpunkt. Fünf Jahre nach der Eingemeindung begann der Bau der Siedlung am Ben-Gurion-Ring, eine Wohnsiedlung mit mehr als 80 Häusern, darunter auch Hochhäusern des sozialen Wohnungsbaus. 1350 Wohnungen umfasst die Siedlung, in denen knapp 6000 Menschen leben. Die Häuser stehen auf einer Anhöhe über dem Flüsschen Nidda und das hat ihr den Beinamen „Golanhöhen“ eingebracht. Für die Nieder-Eschbacher ist die Siedlung bis heute eine Quelle für Zorn und Ärger. Es gibt städtebauliche Mängel, eine fehlende Infrastruktur, eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote und nicht zuletzt sorgt auch das Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen und Religionen immer wieder für Sprengstoff. Allerdings hat sich der Ruf der Siedlung in den vergangenen Jahren deutlich gebessert, was auch ein Verdienst von Programmen wie die „Soziale Stadt“ ist. Von dem Plan, in den kommenden Jahren am Rand der Siedlung Ben-Gurion noch einige hundert Wohnungen zu bauen, sind die Bewohner des Stadtteils jedoch nicht sonderlich begeistert.

Ein interessanter Gewerbestandort

Nieder-Eschbach hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Industrie- und Gewerbestandort im Frankfurter Norden entwickelt. Ursprünglich beschränkte sich das Industriegebiet des Stadtteils auf ein kleines Gebiet zwischen dem Ortszentrum und der Siedlung am Bügel. In den 2000er Jahren siedelten sich dort in der Hauptsache Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor, wie beispielsweise der Softwareproduzent Sage oder der Autohersteller Saab an. Dann beschloss die Stadt, das Gewerbegebiet nach Westen hin auszudehnen und 2004 kam dann der Anschluss an die Bundesautobahn A661. Das macht die Region auch für Einzelhandelsunternehmen interessant. Auf dem Gelände des früheren Frankfurter Schlachthofs entstand die dritte Frankfurter Filiale des schwedischen Möbelhauses IKEA. Eigentlich sollte auch die Henninger-Brauerei von Sachsenhausen nach Nieder-Eschbach ziehen, aber die Fläche erwies sich als zu klein.

Die Verbindung zu Frankfurt

Auch wenn niemand die Natur daran gehindert hat, das Ortsschild von Nieder-Eschbach mit dem Zusatz „Stadt Frankfurt“ zu überwuchern, ganz ohne die Großstadt geht es einfach nicht. Zu Tausenden haben sich die Nieder-Eschbacher 1972 gegen die Eingemeindung gewehrt und sogar die Straße zum Römer blockiert. Gebracht hat das jedoch nichts, die Bürger konnten nicht verhindern, dass Nieder-Eschbach zu Frankfurt kam. Wer heute in die Großstadt möchte, der muss sich nur in die U-Bahn oder in den Bus setzen. Die Buslinien 27 und 29 fahren nach Frankfurt und nachts bringt die Linie n4 die Nachtschwärmer von Frankfurt wieder nach Nieder-Eschbach. Eine weitere Verbindung bieten die U-Bahnlinien U2 und U9, die regelmäßig zwischen der Mainmetropole und dem Stadtteil verkehren. Außerdem ist Nieder-Eschbach auch an die Autobahn angebunden. Es gibt mit der A5 und der A661 gleich zwei Autobahnen, auf die die Nieder-Eschbacher auffahren können.

Immer noch bäuerlich

Selbst wenn Nieder-Eschbach ein moderner Stadtteil mit einem großen Gewerbegebiet ist, der bäuerliche Charakter ist geblieben. Es gibt immer noch einige wenige Landwirte, kleine Bauernhöfe und Gärtnereien. Die fruchtbaren Lößböden haben den Bauern über Jahrhunderte gute Ernten beschert, vor allem bei Zuckerrüben, Kartoffeln und Wintergetreide. Die Landwirte hatten ihre Stände im Zentrum auf dem Marktplatz und sie haben nicht nur die nördlichen Stadtteile, sondern auch Frankfurt mit frischen Erzeugnissen vom Land beliefert. Da es aber einen zunehmenden Bedarf an Bauland gab, mussten die Landwirte und auch die Gartenbetriebe immer mehr Land abgeben. Heute gibt es nur noch eine Handvoll landwirtschaftliche Betriebe in Nieder-Eschbach, die aber ihre Produkte im Hofladen verkaufen.

Auch Nieder-Eschbach musste sich mit seiner Eingemeindung im Jahr 1972 einer neuen Zeit beugen. Leicht ist es den Einwohnern nicht gefallen, sie wollten ihr beschauliches Dorf behalten. Inzwischen haben aber auch die größten Kritiker eingesehen, dass es durchaus von Vorteil ist, zu Frankfurt zu gehören. So sorgte der Ausbau des Gewerbegebiets für Arbeitsplätze und auch die Infrastruktur wurde dank der Investitionen aus Frankfurt deutlich besser. Nieder-Eschbach bekam das Naherholungsgebiet am Bügelsee. Dort sind heute Familien zu finden, die ein Picknick auf der Wiese machen, Kinder, die Federball spielen und Rentner, die auf den Bänken sitzen und die Sonne genießen. Was sich die Bewohner aber noch wünschen, das ist ein Café am Bügelsee.

Beitragsbild: @ depositphotos.com / Lesniewski

Nieder-Eschbach. *
  • JEAN H. ROTHAMMEL
  • (Frankfurt a.M., Kramer & Co,
  • Broschiert
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Autor(in) Ulrike Dietz

Ulrike Dietz ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und lebt im Hochsauerland. Die Journalistin und Buchautorin schreibt Artikel zu vielen verschiedenen Themen.

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