Gallus – ein Stadtteil im stetigen Wandel

Gallus - ein Stadtteil im stetigen Wandel

Das Gallus gehört zu den jungen Stadtteilen Frankfurts, obwohl das Viertel eine lange Geschichte hat. Das „Galgenfeld“, wie der Stadtteil im Mittelalter hieß, lässt keinen Zweifel daran, was früher auf dem Gebiet des heutigen Gallus geschah. Der Stadtteil befindet sich seit sehr vielen Jahren in einem ständigen Wandel. Das Gallus hat gute und auch weniger gute Zeiten gesehen, es war Bauernland und der Wohnsitz von reichen Kaufmannsfamilien, Kloster und Armenviertel. Heute ist das Gallus im Herzen von Frankfurt ein junger Stadtteil mit vielen Ambitionen.

Das Gallus in Zahlen

Das Gallus liegt nördlich des Mains und hat im Osten eine Grenze zum Bahnhofsviertel.

Einwohner:37.639
Fläche:4,22 Quadratmeter
Stadtteil seit:1866
Gehört zum Ortsteil:Innenstadt I

Das Gallus und seine Vergangenheit

Ursprünglich war das Gallus einer der vielen Frankfurter Vororte, die im 19. Jahrhundert zur Gemarkung Frankfurt kamen. Angeblich befand sich dort der Standort des Galgens, den Namen verdankt das Viertel aber wohl der Galluswarte oder Galgenwarte. Dabei handelt es sich um einen der vier Wachttürme aus dem Mittelalter. Der heilige St. Gallus hat mit der Namensgebung nichts zu tun. Allerdings haben die Bürger selbst den Heiligen als Namenspaten ins Gespräch gebracht. Sie wollten den etwas zweifelhaften Ruf des „Galgenfelds“ wieder loswerden. Das Gallus war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eine eher landwirtschaftlich geprägt Region, aber auch reiche Patrizierfamilien haben dort ihren Wohnsitz. Mit dem Bau der Eisenbahn rückte das Gallus in den Fokus der noch jungen Industrienation. Der Güter- und der Hauptbahnhof entstanden, aber auch viele Industriebetriebe wie die Adlerwerke oder die Bremsenfabrik Teves.

Das Gallus gerät in Schieflage

Die beiden Bahnhöfe und die Unternehmen machten das Viertel nah der Frankfurter Innenstadt zu einem begehrten Ziel für alliierte Bomber im Zweiten Weltkrieg. Besonders der Angriff am 29. Dezember 1944 sorgte für schwere Zerstörungen, von denen sich das Viertel nicht mehr richtig erholen konnte. Viele Betriebe mussten schließen oder bauten ihre Fabrikablagen erst gar nicht mehr auf. In der Folge kam das Gallus in eine gefährliche Schieflage und entwickelte sich zu einem sozialen Brennpunkt. Es fehlte an Wohnraum, die Prostitution blühte ebenso wie der Schwarzmarkthandel und später auch der Handel mit Rauschgift. Um den Abwärtstrend des Viertels zu stoppen, wurde das Gallus in das Projekt „Soziale Stadt“ aufgenommen. Das Gallus nahm diese Chance wahr und schaffte es in eine neue bürgerliche Identität.

Das Wahrzeichen des Viertels

Nicht übersehen kann man den letzten der vier Wachttürme, der als ein Teil der Galgenwarte das Gallus im Mittelalter beschützte. Dort, wo der 1414 erbaute Turm noch heute steht, führte die wichtige Handelsstraße von Frankfurt nach Mainz. Der Turm diente der Frankfurter Landwehr zum einen als Aussichtsturm, zum anderen war es ein Kontrollposten. Es galt die reichen Gutshöfe wie den Gutleuthof (heute die Gutleutstraße) und den Hellerhof (heute die Hellerhofsiedlung) zu schützen. Mitte des 16. Jahrhunderts kam es zur Zerstörung der hölzernen Türme. Es gab einen Neubau, diesmal aus Stein, aber nur einer der Türme blieb aus der Vergangenheit erhalten und ist heute das Wahrzeichen des Gallusviertels.

Immer noch umstritten

In Frankfurt gibt es einige umstrittene Bauprojekte, aber ein Projekt, über das bis heute heftig diskutiert wird, ist das Europaviertel im Gallus. Das Viertel wirkt wie eine Enklave, die auf dem Reißbrett entstanden ist, ein fremdartiges Viertel, von dem eine seltsame Faszination ausgeht. Das Areal entstand auf dem Gelände des früheren Güterbahnhofs, und zwar auf einer Fläche von knapp 90 Hektar. 2006 stand das erste Hochhaus, 2012 der 200 Meter hohe Wolkenkratzer „Tower 185“ und 2013 das Einkaufszentrum „Skyline Plaza“. Wenn das Viertel im Viertel komplett fertiggestellt ist, dann sollen dort 10.000 Menschen wohnen und 30.000 Menschen arbeiten. Es sollen Hotels und Büros, eine Schule und Wohnungen ebenso entstehen wie viele Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten. Die Architektur wirkt futuristisch und unnahbar. Wie wenig sich die Einwohner des Gallusviertels mit dem Europaviertel anfreunden können, das zeigt auch der Beiname, den sie der Europa-Allee gegeben haben: Im Volksmund wird die kilometerlange Straße nur „Stalinallee“ genannt. 2022 sollen alle Bauarbeiten und auch die Verlängerung der U-Bahn abgeschlossen sein.

Der Streit um die Kirche

Es gibt noch andere Bauwerke, die im Gallus umstritten sind und dazu gehört die evangelische Matthäuskirche. Die Kirche öffnete 1905 ihre Türen für die Gläubigen, bevor sie bei einem schweren Luftangriff im Zweiten Weltkrieg vollkommen zerstört wurde. In den 1950er Jahren entstand eine neue, wenn auch sehr einfach gehaltene Kirche. Vielleicht lag es an der allzu unscheinbaren Kirche, aber der Gemeinde liefen immer mehr Mitglieder davon. 1997 verlor der Evangelische Regionalverband dann endgültig die Geduld und strich die Kirche von der Liste der Gotteshäuser, die dauerhaft finanzielle Unterstützung bekommen. Seit 20 Jahren weckt die Kirche, die eigentlich gar keine mehr ist, die Begehrlichkeit von Projektentwicklern aller Art. Als eine Neugestaltung des Alten Polizeipräsidiums direkt neben der Kirche ins Gespräch kam, erhielt die Diskussion wieder neuen Schwung. Aktuell befasst sich die Stadt Frankfurt mit dem Bebauungsplan für das Gelände, zu dem das Polizeipräsidium und die Matthäuskirche gehören.

Vielseitig, offen und tolerant

Noch immer genießt das Gallusviertel in Frankfurt keinen allzu guten Ruf. Viele denken dabei an die 1980er und 1990er Jahre, die das Gallus stigmatisiert haben. Aber seitdem gab es eine Reihe von Projekten, die dabei geholfen haben, die Lebensqualität des Viertels zu verbessern. Es gab einige vielversprechende Aktionen wie Straßenfeste oder auch eine Betreuung bei den Hausaufgaben, die auf Initiative der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen entstanden. Vieles haben die Bewohner des Gallus jedoch auch selbst auf die Beine gestellt. Die Menschen dort entwickeln ständig neue Konzepte, um ihr Viertel vielseitiger, weltoffener und toleranter zu gestalten.

Das Gallus ist ein noch junges Stadtviertel, das aber auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Verfehlte Stadtpolitik machte aus dem gutbürgerlichen Stadtteil einen sozialen Brennpunkt und nur sehr langsam konnte sich das Gallus von diesem Stigma wieder befreien. Heute hat sich das Gallus, das 2007 den offiziellen Zusatz „Viertel“ abgeschafft hat, auf den Weg in die Zukunft gemacht. Das moderne Europaviertel ist der Anfang einer neuen Geschichte, die einmal mehr zeigt, dass das Gallus ein Stadtviertel ist, was sich nach wie vor im Wandel befindet.

Beitragsbild: @ depositphotos.com / Lesniewski

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Frankfurt am Main: Stadt der Gegensätze *
  • Frankfurter Allgemeine Archiv
  • Herausgeber: Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH
  • Auflage Nr. 1 (15.09.2014)
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Ulrike Dietz

Ulrike Dietz

Ulrike Dietz ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und lebt im Hochsauerland. Die Journalistin und Buchautorin schreibt Artikel zu vielen verschiedenen Themen.
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