Wäldchestag – Frankfurts heimlicher Nationalfeiertag

Wäldchestag - Frankfurts heimlicher Nationalfeiertag

Frankfurt hat eine Reihe von traditionellen Feiertagen und Festen, besonders beliebt ist jedoch der Wäldchestag, der jedes Jahr am Dienstag nach Pfingsten stattfindet. Das Volksfest findet im Frankfurter Stadtwald statt, genauer gesagt am Oberforsthaus im Stadtteil Niederrad. Noch in den 1990er Jahren war es üblich, dass die Geschäfte in der Frankfurter Innenstadt am Wäldchestag nachmittags geschlossen hatten. Die Chefs gaben den Angestellten ab 12:00 Uhr frei, damit diese den Wäldchestag feiern konnten. Daher auch der Name Frankfurter Nationalfeiertag.

Ein Feiertag für Bäcker und Hirten

Die Ursprünge des Wäldchestags gehen bis ins Mittelalter zurück. Schon damals gab es ein Frühlingsfest am Dienstag nach Pfingsten, das zugleich auch das Zunftfest der Bäcker war. Sie zogen gemeinsam auf die Pfingstweide im Osten von Frankfurt, um den Frühling zu feiern. Im 14. Jahrhundert gab es auch den sogenannten „Kühtanz“, einen fröhlichen Umzug der Viehhirten und Mägde, die das Vieh für die sommerliche Mast in den Stadtwald getrieben haben. Aus diesen beiden Festen entwickelte sich im Laufe der Jahre ein drittes Volksfest, der Wäldchestag. Der Wald im Stadtgebiet gehört seit 1372 der Stadt Frankfurt und seitdem dürfen die Bürger einmal im Jahr im Stadtwald Holz sammeln, damit sie es im Winter warm haben. Die Frankfurter Bürger zogen mit Speisen und Getränken in den Stadtwald und irgendwann entwickelte sich aus der Holzsammelaktion ein fröhliches Fest.

Der Wäldchestag und seine wechselvolle Geschichte

Der Wäldchestag ist bis heute ein beliebter Feiertag, auch wenn an diesem Tag kein Frankfurter Bürger mehr Holz für den Winter sammelt. In früheren Zeiten spielte das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Oberforsthaus, wo auch Goethe schon zu Gast war, eine wichtige Rolle beim Wäldchestag. Nach dem Krieg stand nur noch der Pferdestall des Forsthauses, der aber 1963 dem Bau der A3 weichen musste. Mit dem Bau der Main-Neckar-Bahn wurde es wieder einfacher, das Wäldchen zu erreichen, und so lebte die Tradition des Volksfestes wieder auf. Als der freie Nachmittag am Wäldchestag jedoch Mitte der 1990er Jahre gestrichen wurde, um die steigenden Lohnkosten zu kompensieren, kamen immer weniger Menschen in den Stadtwald. Das wiederum beklagten die Schausteller, denn sie mussten mit weniger Einnahmen leben. Heute entscheiden die Unternehmen und Geschäfte autonom, ob sie am Wäldchestag ihren Angestellten freigeben möchten oder nicht. Eine Ausnahme bilden die Angestellten der Stadt Frankfurt, denn sie gehören zu den Glücklichen, die am Dienstag nach Pfingsten freihaben.

Der moderne Wäldchestag

In den 1960er Jahren etablierte sich der Traditionsfeiertag als Kirmes mit Achterbahn, Riesenrad, Autoscooter, Kettenkarussell, Schieß- und Losbuden. Handkäs mit Musik stand damals auf der Speisekarte, ebenso wie die klassische Bratwurst und Brezel. Auch Hartekuchen gab es, eine Art Pfefferkuchen, der in Frankfurt bei keiner Festivität fehlen darf. Im Zuge der Globalisierung musste sich auch der Wäldchestag anpassen. Das kulinarische Angebot ist seitdem international, aber es gibt keine extremen Fahrgeschäfte, wie sie beispielsweise auf der Dippemess zu finden sind. Der Frankfurter Nationalfeiertag versteht sich eher als ein malerischer Platz zum Genießen, zum Plaudern und zum Entspannen. Es gibt ein Musikprogramm sowie ein Programm für Kinder und es sind über 170 Händler und Schausteller zugelassen. Es gibt ein Riesenrad, eine kleine Achterbahn mit nostalgischem Charme sowie Naschkrambuden, Verkaufsstände und Imbissstände.

Entspannt anreisen

Die Frankfurter Verkehrsbetriebe haben sich auf den Festtag im Stadtwald eingestellt und bieten außerfahrplanmäßige Fahrten an. So fährt die Straßenbahn-Linie 20 vom Hauptbahnhof aus bis zur Haltestelle Oberforsthaus. Auch die Buslinie 61V ist zusätzlich unterwegs und fährt vom Frankfurter Südbahnhof bis zum Oberforsthaus. Bis vor fünf Jahren war auch noch das beliebte „Lieschen“ mit im Einsatz, eine bunt bemalte Straßenbahn, die eingleisig bis zum Oberforsthaus fuhr. Leider entschied sich die Stadt gegen „Lieschen“, da die Instandsetzung der alten Straßenbahn den Kostenrahmen sprengte. Stattdessen fahren jetzt zwei nostalgische Busse zwischen dem Südbahnhof und dem Oberforsthaus Hin und Her.

Die Zukunft ist ungewiss

In den vergangenen Jahren sind die Besucherzahlen am Wäldchestag deutlich zurückgegangen. Das liegt zum einen auch daran, dass der Nachmittag am Dienstag nach Pfingsten kein freier Nachmittag mehr ist. Zum anderen ist auch die Konkurrenz durch andere Volksfeste in den letzten Jahren immer größer geworden. Frankfurt kennt eine Vielzahl von Festen, wie die Dippemess, das Museumsuferfest, die Rheingauer Weinwoche, den Weihnachtsmarkt oder das Schweizer Straßenfest und die Festivitäten in der Fressgass´. Alle diese Feste haben mittlerweile mehr Besucher als das traditionelle Fest im Frankfurter Stadtwald. Dazu kommt, dass die anderen Feste, die mitten in der Stadt stattfinden, auch für Touristen attraktiver sind. Kaum jemand, der nicht aus Frankfurt und Umgebung stammt, weiß überhaupt, dass am Dienstag nach Pfingsten im Stadtwald ein Fest stattfindet.

Was will die Stadt tun?

Der Stadt Frankfurt ist bekannt, wie schlecht es um den Traditionstag steht und der Magistrat muss sich etwas einfallen lassen. Das Problem ist allerdings nicht neu, sondern existiert schon seit einigen Jahren. So lange schon sucht die Stadt Frankfurt nach einem Konzept, um das Traditionsfest wieder attraktiver zu machen. So sieht ein Konzept vor, die Kirmeselemente wie die Fahrgeschäfte zu reduzieren und den Besuchern stattdessen ein Familienfest zu bieten. Sommergärten und Möglichkeiten zu einem Picknick, gemütliche Festzelte für die ganze Familie und Bühnenshows sollen dem Fest im Stadtwald wieder mehr Besucher bringen. Das klassische Kirmesangebot mit Losbuden und Schießständen wie auch ein Kinderkarussell und Kettenkarussell sollen jedoch erhalten bleiben. Der Platz vor dem früheren Oberforsthaus ist groß genug, mehrere Konzepte zur Anwendung zu bringen, um die Attraktivität des Festes wieder zu steigern.

Die Frankfurter lieben Traditionen und der Wäldchestag im Frankfurter Stadtwald gehört nach wie vor dazu. Wie seit 200 Jahren lockt das Fest im Wald die Menschen und viele nutzen die Gelegenheit und machen am Dienstag nach Pfingsten eine Radtour zum Oberforsthaus, um sich dann ins Festgetümmel zu stürzen. Selbst wenn der Nachmittag mittlerweile kein freier Nachmittag mehr ist, kommen viele Familien zum Festtag im Wald. Trotzdem muss sich die Stadt Frankfurt etwas einfallen lassen, um mehr junge Leute für den traditionellen Feiertag zu begeistern. Es gibt eine Reihe von Konzepten, die den Tag wieder neu beleben sollen. Welches Konzept die perfekte Mischung ist, muss sich jetzt zeigen. Wenn es den Frankfurter Nationalfeiertag nicht mehr gibt, dann wäre das sehr schade.

Beitragsbild: @ depositphotos.com / art321

Wäldchestag : Roman ; 3518411721 *
  • Andreas Maier
  • Frankfurt am Main : Suhrkamp,
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Autor(in) Ulrike Dietz

Ulrike Dietz ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und lebt im Hochsauerland. Die Journalistin und Buchautorin schreibt Artikel zu vielen verschiedenen Themen.

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