Rekord trotz Handelskrieg

Frankfurt (ots) – Der gegenwärtige Handelskrieg, so sollte man denken, kennt nur Verlierer. In der Tat haben die internationalen Aktienmärkte zuletzt spürbar an Boden verloren. Der Dax beispielsweise notiert derzeit rund 8 % unter seinem Höchststand. Es gibt allerdings auch markante Ausnahmen: So haben Nasdaq 100 sowie Nasdaq Composite am Donnerstag Allzeithochs markiert. Der S & P  500 steht zwar unter seinem Rekordniveau von Ende Januar – aber nur um weniger als 3 %. Seit Anfang des Jahres hat er knapp 5 % hinzugewonnen, während der Dax rund 3 % und der Hang Seng China Enterprises Index (H-Share-Index) mehr als 8 % eingebüßt haben.

Wenn man die These außer Acht lässt, dass es sich hierbei um irrational bedingte Kursentwicklungen handelt, stellt sich die Frage, ob die Aktienmärkte möglicherweise die Tatsache widerspiegeln, dass es in einem Handelskrieg und der Ära eines stark zunehmenden Protektionismus nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner gibt.

Es fällt in diesem Zusammenhang auf, dass das Urteil der Ökonomen hinsichtlich des Nutzens oder Schadens von Protektionismus keinesfalls eindeutig ist. Ein gutes Beispiel dafür ist John Maynard Keynes. Der berühmte britische Ökonom trat 1923 noch mit flammenden Worten für den internationalen Freihandel ein, den er nicht nur als eine „Doktrin ökonomischer Vorteile“, sondern auch als ein „Prinzip der internationalen Moral“ sah. In seinem 1936 veröffentlichten Hauptwerk, der General Theory, propagierte er hingegen britische Einfuhrzölle als eine gangbare Alternative zur Absenkung der Reallöhne mit dem Ziel der Steigerung der einheimischen Industrieproduktion. Vor einer Kommission des britischen Parlaments bekannte er zwar, dass er Angst habe vor den Folgen einer langfristig protektionistischen Politik. „Wir können es uns aber nicht immer leisten, die langfristige Position einzunehmen“, mahnte er damals. Hintergrund dieses überraschenden Wandels ist die Tatsache, dass die britische Industrie in den dreißiger Jahren gegenüber Konkurrenten aus den USA und Deutschland deutlich an Boden verloren hatte.

Geht man noch weiter in die Vergangenheit zurück und studiert die Ansichten der klassischen Ökonomen, so hat zwar David Ricardo mit seinem berühmten Beispiel britischer und portugiesischer Hersteller von Wein und Textilien nachzuweisen versucht, dass Freihandel allen Beteiligten Vorteile bringt. Adam Smith hingegen vertrat die Meinung, dass im Fall von bilateralem Freihandel zwar beide Seiten profitieren, der wirtschaftlich stärkere Partner aber deutlich überproportional. Übertragen auf die gegenwärtige Realität stellt sich daher die Frage, ob die USA mit ihrem Kurswechsel hin zu einem protektionistischen Handelsregime durchaus rational handeln könnten.

So hat außerhalb des Bereichs der börsennotierten Unternehmen die Profitabilität gerade in der amerikanischen Industrie nachgelassen. Was die globale technologische Führung betrifft, so lässt sich beobachten, dass China stark aufholt. Insofern verwundert es nicht, dass es in den amerikanisch-chinesischen Handelsgesprächen eine zentrale Position der US-Seite ist, dass Peking unbedingt sein Programm der Förderung der einheimischen Technologiebranche beenden soll. In einem ausufernden Handelskrieg könnte es im Extremfall zwar dazu kommen, dass China nicht mehr als verlängerte Werkbank amerikanischer Konzerne zur Verfügung steht. Den großen US-Unternehmen tut es angesichts der Perspektiven stärkerer Automatisierung und der in den USA seit vielen Jahren sinkenden Reallöhne aber nicht mehr weh, die Produktion in die USA zurückzuverlegen. Die USA könnten also durchaus von einer Ära des Protektionismus profitieren, während China der Hauptverlierer sein dürfte mit seinem aktuell noch hohen Exportanteil und einer Technologiebranche, die sich erst jetzt anschickt, die Weltmärkte zu erobern. Es lässt sich argumentieren, dass die USA derzeit noch das Potenzial haben, den Aufstieg Chinas zu behindern und zu verlangsamen – in einigen Jahren gilt das möglicherweise aber nicht mehr.

Die deutsche Industrie wäre zwar ebenfalls Leidtragende des US-Kurswechsels. Die Folgen würden aber dadurch abgemildert, dass mit der EU und China bedeutende Märkte existieren, in denen es keine oder tendenziell sinkende Zollschranken gibt. Es drängt sich somit der Verdacht auf, dass die Trump-Administration durchaus rational agiert, was die Aktienmärkte auch widerspiegeln.

(Börsen-Zeitung, 14.07.2018)

Quellenangaben

Textquelle:Börsen-Zeitung, übermittelt durch news aktuell
Quelle:https://www.presseportal.de/pm/30377/4000882
Newsroom:Börsen-Zeitung
Pressekontakt:Börsen-Zeitung
Redaktion

Telefon: 069–2732-0
www.boersen-zeitung.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kaffee trifft Frucht Minden (ots) - ffeel® ist das neue Lifestyle-Getränk, das es in diesem Sommer in seinen drei exotischen Sorten zu entdecken gilt. Der Markenname der Getränkekomposition ffeel® stammt aus dem Wort Coffeelemonade. ffeel® zeichnet sich durch besondere Zutaten aus. Das Szenegetränk Cold Brew wurde jetzt von Melittas Innovation-Team, einer kleinen Unit, die heute schon dem Lifestyle von morgen nachspürt, mit einem weiteren Trend verbunden: Superfruits. "ffeel fresh" durch die erfrischende und belebende Kombination aus Cold-Brew-Coffee mit den besonderen fruchtigen Aromen der Superfruits: Mit Grapef...
Weltpremiere des neuen Jaguar I-PACE eTROPHY Rennwagens beim Formel E-Prix in Berlin Berlin/Kronberg (ots) - - Formel E-Gründer und -CEO Alejandro Agag steuerte das neue Markenpokal-Auto im Renntempo über den Kurs auf dem Flughafen Tempelhof - Jaguar I-PACE eTROPHY wird mit Beginn der Saison 5 (2018/19) offizielle Support-Serie der ABB FIA Formel E Meisterschaft Formel E-Gründer und -CEO Alejandro Agag hat im Vorprogramm des Berlin E-Prix die Rennversion des elektrisch angetriebenen SUV einem weltweiten Publikum live und in Aktion vorgeführt. Auf dem ikonischen Formel E-Kurs in Berlin-Tempelhof legte der Spanier fünf Runden im neuen I-PACE eTROPHY Rennwagen zurück. Der elektri...
ZDF-Politbarometer Mai 2018 Mainz (ots) - Für 82 Prozent der Befragten, darunter Mehrheiten in allen Parteianhängergruppen, sind die USA für Deutschland kein verlässlicher Partner, wenn es um die politische Zusammenarbeit geht. Nur 14 Prozent halten die USA für verlässlich (Rest zu 100 Prozent hier und im Folgenden jeweils "weiß nicht"). Wie immens dieses Vertrauensdefizit ist, zeigt sich beim Vergleich mit Russland und China. So sehen 36 Prozent in Russland einen verlässlichen Partner, für 58 Prozent ist Russland das nicht. Dabei schätzen die meisten Anhänger der AfD (61 Prozent) Russland als vertrauenswürdig ein, die A...
Spendenaktion gegen Kinderarmut: Netto-Kunden sagen „Bitte aufrunden, Axel Schulz!“ Maxhütte-Haidhof (ots) - Zum Internationalen Kindertag am 1. Juni erinnert Netto Marken-Discount an die Spendeninitiative "Deutschland rundet auf" und verdoppelt die an diesem Tag eingenommenen Kundenspenden an den Netto-Kassen. Im ersten Halbjahr 2018 haben die Netto-Kunden bereits einen Gesamtbetrag von rund 190.000 Euro gespendet. Zur Unterstützung der Initiative tauschte Boxlegende Axel Schulz am 29. Mai Boxring gegen Berliner Netto-Kasse (Alex-Wedding-Str. 3). Die Kunden- und Unternehmensspenden fließen vollständig an Kinderhilfsprojekte der Initiative "Deutschland rundet auf". Kampf g...
Instandhaltungsarbeiten, Kommentar zur Eurozone von Detlef Fechtner Frankfurt (ots) - Man muss schon eine gehörige Portion Fantasie besitzen, um in den gemeinsamen deutsch-französischen Vorschlägen für die Zukunft der Eurozone dramatische politische Wendungen zu entdecken. Aufgeregte Warnungen - etwa aus der CSU - klingen daher übertrieben. Denn weder Frankreichs Präsident Emmanuel Macron noch Kanzlerin Angela Merkel haben mit ihrer Einigung auf eine gemeinsame Linie beim bevorstehenden EU-Gipfel grundsätzliche Positionen geräumt. Vielmehr haben sie sich auf Kompromisse mit überschaubaren Folgen beschränkt. Die Vorschläge bedeuten keine neue Architektur der ...

Autor(in) presseportal.de

presseportal.de - Die große Online-Datenbank für Presseinformationen in Text, Bild, Audio und Video. Pressemitteilungen und Pressematerial zu sehr vielen verschiedenen Themen. Ein Service von news aktuell aus der dpa-Firmengruppe.